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Systemwandel statt Klimawandel

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15. November 2016

Das Freiburger Medienkollektiv cine rebelde hat einen neuen Film über die Klimabewegung veröffentlicht. Die inspirierende Dokumentation fängt die Stimmung in der vielfältigen Bewegung gut ein und gibt Menschen eine Stimme, die in mainstream Medien kaum vorkommen. Die SolarRegion sprach mit Luciano Ibarra.

 

SolarRegion: Am 30. September wurde „Beyond the Red Lines“ in Freiburg uraufgeführt. Wo hat das Team von cine rebelde überall gedreht und in welchem Zeitraum?

Luciano Ibarra: Dieser Film porträtiert drei Initiativen im Vorfeld und während des Weltklimagipfels COP21 in Paris. Wir haben von Juli bis Dezember 2015 gedreht. Zusätzlich haben wir etwas Material aus Aktionen im Rahmen der internationalen „break free from fossil fuels“ Kampagne im Mai 2016 verarbeitet.

Der Film zeigt Orte, an denen Menschen direkt um das Klima verhandeln. Wir filmten, wie 1.300 Menschen in den Rheinischen Braunkohletagebau Garzweiler eindringen und ihre Körper in den Weg von gigantischen Kohlebaggern stellen, um Europas größte CO2-Quelle für einen Tag lahmzulegen. Diese spektakuläre Großaktion der Anti-Kohlebewegung war die Geburtsstunde des Bündnisses „Ende Gelände“. Die Aktion war eingebettet in den Rahmen eines zehntägigen Klimacamps unmittelbar an der Abraumkante des Tagebaus in einem vom Abbaggern bedrohten Dorf.

Im Film kommen zudem Menschen zu Wort, die den Import fossiler Brennstoffe am Hafen von Amsterdam im Rahmen der „climate games“ blockieren. Auch zeigt er uns Menschen der französischen Alternatiba Bewegung, die eine 5.600 km lange Fahrradtour vom Baskenland nach Paris machen, um unterwegs unzähligen lokalen Initiativen eine gemeinsame Stimme für eine klimagerechte Welt zu verleihen. Wir dokumentierten, , wie anlässlich des Weltklimagipfels trotz des ausgerufenen Notstands Zehntausende ihre Forderungen auf die Straßen von Paris tragen.

 

Welche Botschaft vermittelt der Film?

Ich denke, der Film vermittelt mehrere Botschaften, da wir vielfältige Akteur_innen der Klimabewegung zu Wort kommen lassen. Der Film verzichtet übrigens komplett auf eine Erzählerstimme aus dem Off undbesteht –fast ausschließlich aus Beiträgen der Protagonist_innen selbst.

Unterm Strich lassen sich ein paar politische Kernaussagen festhalten. Immer mehr Menschen in der Klimabewegung sagen „Es reicht!  Bis hier und nicht weiter. Ende Gelände“. Die Klimaerwärmung hat heute bereits bedrohliche Ausmaße erreicht.  Seitens der Politik und der Wirtschaft gibt es keine ernsthaften Zeichen dafür, dass sich grundlegend etwas an dem bestehenden System ändern wird. Die Menschheit nimmt dabei moralisch nicht mehr hinnehmbares Elend und Zerstörung in Kauf.

Es ist einfach an der Zeit, das Verbrennen fossiler Brennstoffe komplett einzustellen. Als Bewegung müssen wir ihre weitere Verwendung politisch unmöglich zu machen. Um zu zeigen, wie ernst die Lage ist, ist es notwendig, Regelübertritte zu begehen. Der im Film dokumentierte massive zivile Ungehorsam steht in Verhältnis zum Ernst der Lage.

Auf der anderen Seite wollen viele Menschen in der Klimabewegung nicht warten, bis die Herrschenden richtige Entscheidungen treffen. Sie nehmen die Transformation hin zu einer klimagerechten Gesellschaft selber in die Hand. Viele Alternativen existieren schon.

Wir müssen diese Keimzellen der Welt von Morgen vermehren und weitertragen. Der Film soll dazu einen Beitrag leisten. Filme verändern die Welt nicht, aber soziale Bewegungen schon. Filme über inspirierende soziale Bewegungen haben enormes Potenzial.

 

Was waren die nachdrücklichsten Impressionen an den Drehorten?

Als ich den Braunkohletagebau zum ersten Mal gesehen habe, die Größe und den Eingriff in die Natur, den er darstellt, wahrgenommen habe, hat mich das überwältigt und sprachlos gemacht. Es hat etwas apokalyptisches.

Im Hafen von Amsterdam ging es mir ähnlich. Die schier endlose Infrastruktur an Kränen, Schiffen, Containern, Erdöldepots und  Kohlebergen ist erdrückend.

Auf der anderen Seite haben mich die vielen Menschen sehr beeindruckt und inspiriert. Ihre Entschlossenheit und der Wille, gegen scheinbar festgefügte Verhältnisse anzugehen, die endlose Kreativität der vielfältigen Aktionen, die Bereitschaft, Regeln mit Witz, Gelassenheit und Leidenschaft zu übertreten. Der Mut, trotz ausgerufenen Notstands auf den Straßen von Paris zu demonstrieren und dabei sechs Monate Gefängnis zu riskieren. Diese Verbundenheit, die daraus resultiert, die Visionen und die Utopie wollten wir im Film als Quelle der Inspiration festhalten.

 

Wo kann man den Film zu sehen bekommen?

Der Film kann im Internet umsonst als stream angeschaut werden auf http://beyondtheredlines.org

Es gibt auch die Möglichkeit, den HD download und die DVD für einen Preis nach Selbsteinschätzung zu bestellen. Durch den kostenlosen stream nehmen wir uns eine Refinanzierungsmöglichkeit, aber wir vertrauen darauf, dass Menschen und Gruppen den Film bestellen oder spenden werden, um unsere Arbeit weiterhin zu ermöglichen.

Der Film ist ein Informations- und Mobilisierungstool. Wir hoffen, dass viele Klimabewegte ihn aufgreifen werden, um ihn in ihrer Stadt, in ihrem Lieblingskino oder im WG-Wohnzimmer zu zeigen. Filmvorführungen werden bereits in vielen Städten organisiert.

 

Sind weitere Filmprojekte für die nähere Zukunft geplant?

Wir haben noch keine konkreten Zukunftspläne. Erstmal werden wir werden viel mit der Öffentlichkeitsarbeit rund um diesen Film beschäftigt sein. Sicherlich wird es nicht unser letzter Film gewesen sein und an Ideen mangelt es nicht. 

2017 zeichnet sich eine weitere Eskalation der Auseinandersetzung um die Braunkohle ab. Vielleicht seht ihr uns mit unserer Kamera dort.

 

Luciano Ibarra ist Filmemacher, Journalist und Referent. Er hat langjährige Erfahrung im umwelt- und sozialpolitischen Bereich. Er ist Mitbegründer des Freiburger Medienkollektivs „cine rebelde“, sowie der Kooperative der solidarischen Landwirtschaft „Gartencoop Freiburg“.

Beyond the red lines - Systemwandel statt Klimawandel

Ob im rheinischen Braunkohlegebiet, am Hafen von Amsterdam oder auf den Straßen von Paris während des Weltklimagipfels, die Kämpfe für Klimagerechtigkeit werden an immer mehr Fronten geführt. Beyond the red lines (Jenseits der roten Linien) ist die Geschichte einer wachsenden Bewegung, die „Es reicht! Ende Gelände!“ sagt, zivilen Ungehorsam leistet und die Transformation hin zu einer klimagerechten Gesellschaft selber in die Hand nimmt.

Film, Trailer und mehr: http://beyondtheredlines.org

Eine Kurzversion dieses Interviews finden Sie in der gedruckten Ausgabe unserer Zeitschrift SolarRegion.

Quelle: 

fesa e.V.

Bildquellen: 

Cine Rebelde

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