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Aus der SolarRegion 2016-01: Wärmeversorgungskonzept Gutleutmatten - Pro: Umweltamt, Klaus von Zahn - vollständiges Interview

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9. Februar 2016

Die Stadt Freiburg war angetreten, um mit dem Neubaugebiet Gutleutmatten im Freiburger Stadtteil Haslach ein Öko-Vorzeigequartier mit gleichzeitig günstigem Wohnraum für bis zu 1.300 BewohnerInnen zu schaffen. Die Nachfrage von Bauherren war enorm und schnell waren alle Grundstücke verkauft. Insbesondere seit von Badenova die Energiekosten für die Haushalte bekannt sind, eskaliert der Streit zwischen zahlreichen Baugruppen und der Stadt. Beim Spatenstich am 16.10.2015 protestierten viele Initiativen öffentlich. Diana Sträuber vom fesa e.V. hat die Argumente per Interviews gesammelt und hier gegenüber gestellt.*

 

Umweltamt, Klaus von Zahn: Wärmepreise angemessen und nicht überteuert - Interview

SolarRegion: Herr von Zahn, Grundstücke sind in Freiburg rar und die Baugruppen können diese nur erwerben, wenn sie den Anschlusszwang an das Nahwärmenetz und die Wärmepreise von badenova akzeptieren. Können Sie den Ärger der Baugruppen nachvollziehen?

K.v.Zahn: Allen Erwerbern wurden bereits bei der Ausschreibung der Grundstücke die genauen energetischen Bedingungen aufgezeigt. Zudem wurde eine Beratung möglicher Baugruppen über die Energieagentur Regio Freiburg angeboten, die auch in Anspruch genommen wurde. Bei der Abgabe der Bewerbungsunterlagen haben die Erwerber u.a. die Einhaltung der energetischen Vorgaben bestätigt. Die Stadt hat die Vorteile der solarthermischen Fernwärmeversorgung Gutleutmatten frühzeitig aufgezeigt, damit u.a. die baulichen energetischen Anforderungen zur Vorbereitung der Förderungen (KfW, L-Bank) genutzt werden können. Nur wenn alle Gebäude an die Nahwärmeversorgung angeschlossen werden, kann das Gesamtkonzept umgesetzt werden, da die Wärmeabnahme über das Netz aufgrund der guten Gebäude-Dämmstandards ohnehin schon sehr gering ist. Das solarthermische Energiekonzept ist auch aus heutiger Sicht ein guter Weg, niedrige CO2-Emissionen mit wirtschaftlich vertretbaren Kosten erreichen zu können. Um möglichen Unmut in Bezug auf die Erfüllung der Anforderungen bzw. Wärmepreise zu vermeiden, wurde damit von der Stadt umfänglich Vorsorge getroffen. Das serviceorientierte Informationskonzept war bei sehr vielen Interessenten erfolgreich, wie man an den Bauaktivitäten vor Ort ja derzeit sehen kann.

SolarRegion: Da das Wärmeversorgungskonzept in Gutleutmatten in ein wissenschaftliches Forschungsprojekt eingebunden ist, gab es keine Ausschreibung für die Wärmeversorgung und badenova war als Anbieter gesetzt. Die Baugruppen empfinden es nun so, dass badenova diese Quasi-Monopolstellung ausnutzt und überteuerte Wärmepreise verlangt. Was könnte die Gemüter nun beruhigen? Vielleicht eine Offenlegung der Kostenstrukturen durch badenova?

K.v.Zahn: Die Zusammensetzung der Wärmepreise wurde den Erwerbern und Baugruppen mehrfach erläutert. Die Kostenstruktur der Fernwärmeversorgung kann aus dem Energiegutachten entnommen werden. Von Seiten der badenova wurden die Kosten der Solaranlagen und die Kosten bei der Weiterentwicklung des Energiekonzepts erläutert. Unter Berücksichtigung des Verzichts auf die Wärmerückgewinnung bei den Lüftungsanlagen ergibt sich ein vergleichbarer Wärmepreis mit den anderen Freiburger Fernwärmegebieten. Hohe spezifische Wärmepreise (ct je Kwh) sind bei hochwärmegedämmten Häusern typisch, egal ob die Gebäude von dezentralen Heizungen oder über Fernwärme versorgt werden. Die Wärmepreise sind aus heutiger Sicht angemessen und nicht überteuert. Auch andere von den Baugruppen eingeschaltete Behörden konnten keine wettbewerbsrechtlichen Probleme feststellen.

SolarRegion: Projekt ist nun schon in einem recht fortgeschrittenen Stadium. Welche Handlungsspielräume und Lösungsmöglichkeiten sehen Sie überhaupt noch?

K.v.Zahn: Nun regen die derzeitigen niedrigen Preise für fossile Energien kaum zum Energiesparen an. Energiekonzepte mit erneuerbaren Energien und energiesparender Bauweise haben derzeit einen schweren Stand. Vorausgesetzt die Energiepreise würden in Zukunft steigen, werden sich unsere Klimaschutz-Konzepte nicht nur ökologisch sondern auch ökonomisch bewähren. Ich sehe derzeit noch geringe Handlungsspielräume bei der Einwerbung von Fördermitteln, die dann an die Erwerber weitergeben werden können.

 

 

SolarRegion: Wenn Sie das Projekt noch einmal auf Null setzen könnten und von vorne beginnen, was würden Sie anders angehen?

K.v.Zahn: Für das Gebiet Gutleutmatten wurde ein zukunftsfähiges, konsistentes Strom- und Wärmeversorgungskonzept entwickelt, das die Zunahme fluktuierender erneuerbarer Energien im Strom-Mix berücksichtigt. Die Kombination der energiewirtschaftlichen Instrumente „Wärmenetz und BHKW“ und „Nutzung Solarthermie“ ist ein innovativer Ansatz. Bisher wurden diese beiden Versorgungsvarianten oft konkurrierend aufgefasst, da zwei kapitalintensive Heizsysteme die Gebäude mit Wärme versorgen sollen. Im Rahmen des Forschungsprojekts EnWiSol soll aufgezeigt werden, wie diese beiden Systeme sinnvoll und effizient kombiniert werden und hierbei Synergien erschlossen werden können. Für die Stadt ist die Weiterentwicklung der Fernwärmeversorgung ein wichtiger Baustein zur Erreichung der Klimaschutzziele. Künftige Fernwärmesysteme im städtischen Umfeld müssen auf das fluktuierende Angebot der Erneuerbaren Energien reagieren können und u.a. Strom in Zeiten geringerer Verfügbarkeit der erneuerbaren Energien auf KWK-Basis zuverlässig bereitstellen. Freiburg unterstützt kompetente und professionelles Versorgungsunternehmen in der Entwicklung zukunftsfähiger Geschäftsmodelle mit dem Ziel, hochwärmegedämmte Neubauten mit geringen CO2-Emissionen wirtschaftlich versorgen zu können. Bei weniger dicht bebauten Strukturen werden in Zukunft aller Voraussicht nach die dezentralen Energiesysteme Vorteile haben, wenn diese zuverlässig und gut gemanagt betrieben werden. Unser Vorgehen bei der Ausarbeitung der Energiekonzepte von Baugebieten ist weiterhin zielführend, da damit der Weg geebnet ist, um die gesetzten Klimaschutzziele Freiburgs erreichen zu können.

Hier geht es zum Contra-Beitrag von Achim Kimmerle:

Baugruppen: Nahwärmenetz aufgeben und besser Gasleitungen legen – Interview

 

*) Dieser Beitrag ist erschienen in der SolarRegion 01-2016 im Februar 2016.

Quelle: 

SolarRegion 01-2016

Bildquellen: 

Bild 1: Offizieller Spatenstich, Irene Nixdorf

Bild 2: Klaus von Zahn, Leiter des Umweltamtes, vertritt die Position der Stadt Freiburg, privat

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